ZWEISECHSNEUN

Was ist eigentlich Veganismus?

Veganismus wird heute für Vieles hergenommen. Für Ernährungstrends, für Marketingkampagnen, für ein Lifestyle-Label auf Produkten, die irgendwie »plant-based« klingen, für Lebenseinstellungen und häufig auch für ganz viel Selbsterhöhung. All diese unterschiedlichen Stile sorgen dafür, dass der Begriff so sehr gedehnt wird, bis er kaum noch etwas bedeutet.

Das ist kein Zufall. Das ist ein Problem und wir müssen uns klar werden, wieso.

Ursprünglich stammt der Veganismus aus einer abolitionistischen Bewegung heraus, die deutlich gemacht hat, dass der Vegetarismus kein erstrebenswertes Ziel ist. Milch und Eier einzuschließen, ist kein konsequenter Bruch mit der Ausbeutung von nicht-menschlichen Tieren und wer das erreichen möchte, der muss einen Schritt weitergehen.

Damit das vermittelt werden kann, brauchte es eine Erklärung, ein klares Prinzip, auf das sich eine Bewegung berufen kann und so hat man sich positioniert: »Der Veganismus ist das Prinzip der Abschaffung der Ausbeutung von Tieren durch den Menschen.« 1951 wurde diese klare Haltung dann auch in die Satzung der Vegan Society aufgenommen.

The object of the Society shall be to end the exploitation of animals by man

The word veganism shall mean the doctrine that man should live without exploiting animals.

Veganism is a principle — that man has no right to exploit the creatures for his own ends.

Durch so eine Formulierung wird klar, dass es sich um ein Prinzip handelt. Das ist kein Konjunktiv, kein Bestreben, keine Einschränkung. Ausbeutung muss enden. Nicht weil des dem Menschen nützt, nicht weil es die Umwelt schont, sondern weil nicht-menschliche Tiere eigenständige Lebewesen sind. Sie sind jemand und nicht etwas. Sie existieren nicht für uns.

Das ist Veganismus.


Die Veränderung in der Definition

Über die kommenden Jahrzehnte hat die Vegan Society diese Definition leider überarbeitet und dabei auch entscheidend verändert. So heißt es heute:

Veganismus ist eine Lebensweise, die versucht – so weit, wie es praktisch durchführbar ist – alle Formen von Ausbeutung und Grausamkeiten an leidensfähigen Tieren für Essen, Kleidung und andere Zwecke zu vermeiden; und die in weiterer Folge die Entwicklung und Verwendung von tierfreien Alternativen zu Gunsten von Mensch, Tier und Umwelt fördert. In Bezug auf die Ernährung bedeutet dies den Verzicht auf alle Produkte, die zur Gänze oder teilweise von Tieren gewonnen werden.

Auf den ersten Blick klingt das ähnlich, umsichtiger, sogar ausführlicher und besser zugeschnitten auf reale Lebensumstände, damit der Mensch sich zum Veganismus bekennen kann. Allerdings ist es vor allem eines: systemaffirmativ.

Der Unterschied ist fundamental. Aus einem Prinzip ist ein Bestreben geworden. Aus »Ausbeutung muss enden« wurde »ich versuche, Ausbeutung zu vermeiden«. Und der Zusatz »zu Gunsten der Menschen und der Umwelt« macht Tierbefreiung zu einem Mittel für andere Zwecke, statt sie als eigenständiges Anliegen stehen zu lassen.

Das ist nicht neutral, sondern eine Verwässerung - festgehalten in der »offiziellen Definition« einer Gesellschaft, die in der öffentlichen Wahrnehmung den Veganismus repräsentiert. Und genau diese Verwässerung führt seither dazu, dass alles Mögliche nicht-vegane gerechtfertigt wird.


Was »soweit wie es praktisch durchführbar ist« wirklich bedeutet

Die heutige Definition wird meist so gelesen: »Es ist ja nicht möglich, alles zu vermeiden. Wenn ich also weiterhin Lederprodukte trage oder mal Reste aufesse, die tierischen Ursprungs sind, dann ist das schon okay.«

Das ist nichts anderes, als eine Rechtfertigung. Eine einst einfache und klare Definition wird plötzlich frei interpretierbar.

Dieser Zusatz will eine strukturelle Realität erwähnen: Wir leben in einem System, das Ausbeutung tief in Lieferketten, Infrastruktur, Lebensmittelversorgung, Medizin, uvm. eingebaut hat. Wer ein Medikament einnehmen muss, das aus Tierversuchen stammt oder tierische Bestandteile enthält, weil keine Alternative existiert und die eigene Gesundheit sonst ernsthaft gefährdet ist, steckt in einer Zwangssituation.

Auch wenn die Vegan Society das gerne so hätte, aber durch die Verwässerung wird das Medikament nicht plötzlich vegan. Es bringt uns nicht weiter, wenn wir dann sagen: »Doch, im Sinne der Vegan Society passt das schon«. Es passt nicht. Wichtig dabei aber auch: Dass es nicht passt, ist kein individuelles Versagen! Das als nicht vegan zu benennen, schafft Klarheit und hilft dabei, klare Forderungen auszuformulieren, wie es eigentlich sein müsste.

Wer zu faul ist, sich über die Herkunft von »Aromen« im Produkt zu informieren, weil der Gesetzgeber nicht vorsieht, dass diese immer klar gekennzeichnet sind, der beruft sich gerne auf »soweit wie möglich und praktikabel«, aber so geht das nicht. Wenn da tierische Bestandteile in deinem Essen sind, dann ist das Essen nunmal nicht vegan.

Die Vegan Society hat sich hier einem gesellschaftlichen Anspruch angebiedert, der dabei hilft aus dem eigentlich abolitionistischem Prinzip des Veganismus eine nett gemeinte Bestrebung zu machen - auf Kosten aller nicht-menschlichen Tiere.


Wozu die Verwässerung führt

Die Aushöhlung des Begriffs passiert dabei auf zwei Ebenen, die sich gegenseitig verstärken.

Da ist zum Einen die strukturelle: Der Kapitalismus vereinnahmt Widerstand, sobald er Marktpotenzial hat. »Plant-Based« ist kein veganer Begriff - er ist eine Marketingkategorie. »Flexitarismus« ist kein Schritt zum Veganismus, sondern die Normalisierung der Idee, dass man Ausbeutung reduzieren und trotzdem weitermachen kann. Als wäre das eine hinreichende Antwort auf systemische Gewalt. Diese Begriffe entstehen nicht zufällig. Sie werden von einer Industrie geformt, die ein Interesse daran hat, den echten Begriff zu neutralisieren.

Die andere Ebene ist individuell: Menschen verlieren sich in Selbstbezeichnungen und behandeln den Veganismus als moralische Errungenschaft. »Ich lebe hauptsächlich pflanzlich«, »ich bin schon fast vegan«, »ich versuche vegan zu sein« - das wird zum Selbstbild, das gepflegt und verteidigt wird. Das Identitätsgefühl wird wichtiger als die Frage, was tatsächlich passiert. Und damit verschiebt sich die Messlatte. Nicht nur für die Person selbst, sondern im sozialen Umfeld. Wer »hauptsächlich pflanzlich« als erstrebenswert definiert, zieht andere in diese Rahmung rein. Plötzlich gilt das als fortschrittlich, als verantwortungsbewusst, als »schon gut«. Wer dann sagt »nein, das ist nicht vegan«, wirkt wie ein Störenfried und Moralapostel, obwohl schlicht der Begriff und damit das Prinzip verteidigt wird.

Die ursprüngliche, ganz einfache Klarstellung des Prinzips lässt diese Abstufung nicht zu. Es gibt kein »auf dem Weg zur Abschaffung« als Identität. Entweder man teilt das Prinzip, oder man teilt es nicht. Die Reinheitsillusion entsteht erst, wenn man anfängt, Abstufungen als Haltung zu behandeln.


Was das konkret bedeutet

Nicht-vegane Dinge sind nicht vegan. Das klingt banal - ist es aber nicht, wenn man sieht, wie oft das Gegenteil behauptet wird.

Kuhmilch im Kaffee ist nicht vegan. Honig ist nicht vegan. Ein Ledersofa ist nicht vegan. Bio-Eier von »glücklichen Hühnern« oder gar von einem »Lebenshof« sind nicht vegan. Fleisch schon gar nicht und »hauptsächlich pflanzlich« ebenso wenig.

»Vegetarismus« vermeidet Fleisch, aber nicht die Ausbeutung. Die Milchwirtschaft trennt Kälber von ihren Müttern, tötet männliche Kälber als »Nebenprodukte« und beutet Kühe bis zur endgültigen Erschöpfung aus. Eier kommen aus einer Industrie, in der männliche Küken direkt nach dem Schlüpfen getötet werden. Wer das weiß und es trotzdem konsumiert, hat sich entschieden. Und diese Entscheidung ist eben nicht vegan.

Nicht mehr und nicht weniger. Vegan leben bedeutet, diese Praktiken abzulehnen. Vegan leben bedeutet ein Prinzip zu haben. Das ist kein Verzicht. Kein »soweit wie möglich«, es ist ganz klar und einfach.


Kein Urteil, aber Ehrlichkeit

In diesem Beitrag geht es nicht darum, alle zu outcallen, die noch nicht vegan leben. Ich selbst habe über 30 Jahre gebraucht. Ich kenne die Sozialisierung, die Gewohnheiten, das Bedürfnis, sich nicht zu erklären. Das alles ist real.

Zu unserem Sein gehört aber auch, dass wir Verantwortung für unser Handeln übernehmen müssen. Die Augen zu verschließen ist bequem. Dabei gibt es ehrliche Unwissenheit und Ignoranz. Es gibt einen Unterschied zwischen »ich bin noch nicht so weit« und »ich bin eigentlich schon vegan, nur mit Ausnahmen«. Der erste Satz ist ehrlich. Der zweite entleert den Begriff und damit auch das Anliegen dahinter.

Wenn wir zulassen, dass Veganismus beliebig ausgelegt wird, verliert er seine Funktion. Er wird zu einem Gefühl, zu einem vagen Selbstbild, das niemandem wehtut - auch nicht der Industrie, die von dieser Unklarheit profitiert. Klarheit ist kein Angriff. Sie ist die Grundlage dafür, dass Veganismus überhaupt etwas bewirken kann - als Bewegung, als Haltung, als Antreiber für Widerstand gegen ein System, das Gewalt produziert und normalisiert.

Wer das versteht, sucht nicht nach Kompromissen und bequemen Lösungen, sondern lebt nach einem klaren Prinzip

Wer es noch nicht versteht, wird es auch nicht durch weichere Formulierungen verstehen. Im Gegenteil, es besteht die Gefahr getäuscht zu werden und selbst ein Sinnbild für die Abwertung von nicht-menschlichen Tieren zu werden.


Vielen Dank, dass du hier (wieder) vorbeigeschaut hast. Falls du noch gar nicht so sehr mit mir Vertraut bist, lies dir gerne meinen Grundsatz durch. Und in meinem ersten Blog-Post kannst du nachvollziehen, wie ich vegan wurde

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