Eine vegane Welt in diesem System
Lange Zeit habe ich selbst nach einem Argument gelebt, das mich angetrieben hat, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Und obwohl ich heute nicht mehr davon ĂŒberzeugt bin, möchte ich mit euch darĂŒber reden. Vor allem, weil es nicht bedeuten soll, dass alles aussichtlos ist - im Gegenteil.
Als vegan lebender Mensch, der will, dass diese ganze ScheiĂe ein Ende hat, aber auch selbst von diesem System geprĂ€gt ist, redet man sich ein, dass Veganismus auch ohne Systemwechsel funktioniert. Wir brauchen keine Revolution, wir brauchen einfach AufklĂ€rung. Individuelle Entscheidungen summieren sich. Wenn Genug Menschen vegan leben, Ă€ndert sich die Welt!
Ich verstehe, warum das attraktiv klingt. Es ist handhabbar. Es gibt jedem Menschen direkt Handlungsmacht. Und es stimmt ja auch: Jede vegane Entscheidung zĂ€hlt. Jedes GesprĂ€ch, das etwas anstöĂt, zĂ€hlt. Ich wĂ€re nicht hier, wenn ich das nicht glauben wĂŒrde.
Aber dieses Argument hat einen blinden Fleck. Einen Fleck, der so groĂ ist, dass er die gesamte SchluĂfolgerung kippen kann.
Wer heute nicht-menschliche Tiere zu Ware macht, wird vom System nicht bestraft. Wer sie massenhaft zĂŒchtet, quĂ€lt und tötet, wird subventioniert. Alleine in Deutschland flieĂen jĂ€hrlich Milliarden an Steuergeldern in eine Industrie, die ihr GeschĂ€ftsmodell auf systematischer Gewalt aufgebaut hat. Nicht trotz des Kapitalismus, sondern wegen ihm. Es ist schlicht profitabler, ein Kalb als Nebenprodukt wegzuwerfen, als es als Individuum zu behandeln.
Das ist keine Einzelentscheidung von irgendjemandem. Das ist die Logik eines Systems, das alles daran misst, was es einbringt. Ein Schwein hat im Kapitalismus keinen Wert als Lebewesen - es hat einen Marktwert als Rohstoff. Ein Fisch wird nicht gezĂ€hlt, sondern gewogen, weil die IndividualitĂ€t in diesem System schlicht keine ökonomische Kategorie ist. Wer fĂŒhlt, wer Schmerz kennt, wer eigene Interessen hat, wird trotzdem zur Ware, wenn Profit die einzige Sprache ist, die zĂ€hlt.
Der Kapitalismus entfremdet alles, was in den Produktionsprozess eintritt: von seinem eigenen Wert, von seiner Eigenheit, von dem, was es ist. Nicht-menschliche Tiere sind Ausgangsmaterial. Ihre Nutzung ist nicht der Ausrutscher eines eigentlich humanen Systems, sondern sein ehrlichster Ausdruck.
Wer heute vegan lebt, bewegt sich permanent gegen die Interessen eines Systems, das von Ausbeutung profitiert. Nicht gegen einzelne böse Menschen, sondern gegen Strukturen, die jeden Tag aufs Neue klarstellen, dass Gewalt sich lohnt.
Gegen Marketingbudgets in Milliardenhöhe, die Leichtenteile als Genuss verkaufen und Kuhmilch als NatĂŒrlichkeit. Gegen Lieferketten, in die tierische Verwertung so tief eingebaut ist, dass sie unsichtbar wird. Gegen ErnĂ€hrungsgewohnheiten, die als Tradition verkleidet sind, aber durch wirtschaftliche Interessen am Leben gehalten werden. Gegen eine Agrarpolitik, die Alternativen bestraft und Gewalt bezuschuĂt.
Die Objektifizierung nicht-menschlicher Tiere ist kein MissverstÀndnis, sondern gesellschaftlich organisiert. Das kann man nicht mit genug AufklÀrung einfach auflösen, denn es ist ein aktiv reproduziertes System.
Individuelle Entscheidungen sind real und wichtig. Aber sie kĂ€mpfen stĂ€ndig gegen Anreize, gegen Strukturen, gegen eine Ăkonomie, die in die entgegengesetzte Richtung zieht. Das ist kein Argument gegen AufklĂ€rung. Es ist ein Argument dafĂŒr, ehrlich zu sein, was sie alleine leisten kann - und was eben nicht.
Es gibt einen berechtigten Einwand: Nicht-menschliche Tiere wurden in quasi jeder Gesellschaftsordnung der Geschichte benutzt und ausgebeutet. Also kann man den Kapitalismus nicht als alleinigen Schuldigen benennen. Das stimmt.
Eine vegane Welt entsteht nicht automatisch, wenn der Kapitalismus ĂŒberwunden ist. Die Entwertung nicht-menschlicher Tiere im Vergleich zum Menschen sitzt tief - in Sprache, Kultur, Religion, in Jahrtausenden eingeschliffenen Gewohnheiten. Das ist ein Bewusstseinsproblem, das auch nach einem Systemwechsel Arbeit brĂ€uchte. Ehrliche Arbeit. Konfrontation. Genau das, wofĂŒr dieser Blog steht.
Aber der Kapitalismus ist nicht einfach nur eine weitere Schranke. Er industrialisiert, skaliert und normalisiert Ausbeutung auf globale Weise. Nicht weil er »Tiernutzung« erfunden hat, sondern weil er sie zur wirtschaftlichen Notwendigkeit macht. Er erzeugt Profitlogik aus Gewalt. Er macht die Verwertung skalierbar, subventionierbar und gesellschaftlich normal. Er bestraft, wer aussteigen will und belohnt, wer mitmacht. Kein anderes System hat die Tierindustrie auf dieses Ausmaà gebracht. Milliarden von Individuen, die jedes Jahr getötet werden, nicht trotz wirtschaftlicher RationalitÀt, sondern wegen ihr. Selbst, als wir realisiert haben, dass wir damit zusÀtzlich noch unseren eigenen Lebensraum zerstören, haben wir nicht aufgehört, sondern weiter angezogen!
Ein System, das Leben nach Marktwert bemisst, reproduziert immer wieder Bedingungen, unter denen Ausbeutung profitabler ist als Befreiung. Das ist keine ideologische Hoffnung - das ist die Konsequenz seiner eigenen Logik.
Und nein, bitte, das bedeutet nicht: Aufhören mit AufklĂ€rung, bis die VerhĂ€ltnisse sich Ă€ndern. Das halte ich fĂŒr zynisch und vor allem: nicht-menschliche Tiere können nicht warten. Jedes GesprĂ€ch, das etwas anstöĂt, jede vegane Entscheidung, die getroffen wird, ist real. Ich mache keine Abstriche daran.
Aber es bedeutet auch, dass eine Bewegung, die Systemkritik aus strategischen GrĂŒnden vermeidet - um breiter zu werden, um sich als anschluĂfĂ€higer zu geben, um niemanden zu verschrecken - langfristig die Wurzel des Problems unangetastet lĂ€sst. Es bedeutet, dass individuelle AufklĂ€rung notwendig, aber nicht hinreichend ist. Und es bedeutet, dass wir uns keine Illusionen machen sollten. Solange Gewalt profitabler ist als MitgefĂŒhl, wird das System Gewalt produzieren.
Eine Tierbefreiung, die die kapitalistische Verwertungslogik unangetastet lÀsst, bleibt zum einen unvollstÀndig. Zum anderen aber belastet sie auch noch die, die bereits heute versuchen Lebewesen zu helfen, obwohl die Industrie einfach neue produziert.
Kein Leben sollte eine Ware sein. Und ein System, das genau das behauptet, ist das Problem - nicht nur ein Rahmen, in dem wir das Problem lösen können.
Vielen Dank, dass du hier (wieder) vorbeigeschaut hast. Falls du noch gar nicht so sehr mit mir Vertraut bist, lies dir gerne meinen Grundsatz durch. Und in meinem ersten Blog-Post kannst du nachvollziehen, wie ich vegan wurde
Falls du mehr von meinen Inhalten mitbekommen möchtest, dann schau gerne auch auf Twitch - Tamaaa und Instagram - tamaaa.269 vorbei und trag dich gern hier unten auf der Seite in meinen Newsletter ein. Ich schreibe eine E-Mail, sobald es hier einen neuen Blogpost gibt oder ich andere relevante Inhalte auf Social-Media veröffentliche - im Rahmen meines neuen Auftritts als Vegan-Speaker.